Stiftungsgastprofessur

Aus der Finanzgeschichte lernen …

Förderung finanzhistorischer Forschung im Rahmen der Stiftungsgastprofessur ‚Financial History‘ an der Goethe-Universität Frankfurt

Im Zeitalter der „Finanzialisierung“, d. h. des starken Bedeutungszuwachses des Finanzsektors in Wirtschaft und Gesellschaft, ist die wissenschaftliche Erforschung der Funktionsweise von Finanzsystemen aus einer Langfristperspektive dringend geboten. Was treibt die Entwicklung der Geld- und Kapitalmärkte, wie entstehen Finanzkrisen, welche Wirkungen gehen von der Finanzmarktregulierung aus und wie muss ein Finanzsystem beschaffen sein, das Nutzen für die Realwirtschaft stiftet und wohlfahrtsfördernd wirkt? In der Erforschung dieser und anderer zentraler ökonomischer, wirtschafts­politischer und gesellschaftlicher Fragen kann finanzhistorisches Know-how einen wichtigen Beitrag leisten.

Die Friedrich Flick Förderungsstiftung fördert mit der Stiftungsgastprofessur „Financial History“ die Berufung international renommierter Wissenschaftler der Finanzgeschichtsforschung an die Goethe-Universität Frankfurt. Sie trägt dazu bei, dass wichtige Impulse in Wissenschaft und Lehre eingebracht werden und unterstützt die Vernetzung der hiesigen Finanzgeschichte mit internationaler Spitzenforschung. Die im Rahmen der Gastprofessur stattfindenden Veranstaltungen finden neben dem akademischen auch großes öffentliches Interesse.

Nach Harold James, Princeton University (2018), Barry Eichengreen, University of California (2019), wurde 2020 Catherine R. Schenk (Oxford University) auf die Stiftungsgastprofessur “Financial History” berufen.

Finanzbeziehungen spielen eine wichtige Rolle für die realwirtschaftliche Entwicklung, doch weist die Erforschung der Wirkungszusammenhänge und der Funktionsweise von Finanzsystemen noch erhebliche Forschungslücken auf. Umso wichtiger ist es, die mathematisch-modellorientierten Erklärungsansätze  durch die Analyse der historisch bedingten Strukturmerkmale von Finanzsystemen zu ergänzen und die durch individuelle und kollektive Erfahrungen geprägten Verhaltensmuster von Institutionen und Akteuren zu erforschen. Die Finanzgeschichte erschließt zudem das enorme Potenzial finanzhistorischer Daten. Diese ermöglichen es, z.B. theoretische Modelle zur Funktionsweise von Finanzsystemen, z. B. zum Anlegerverhalten, zu den Ursachen und Folgen von Finanzkrisen oder zur Auswirkung von Finanzmarktregulierung gleichsam wie im Labor auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen.

Im Vergleich zu angelsächsischen Ländern ist die finanzhistorische Forschung in Deutschland weniger fortgeschritten und präsent. Die Friedrich Flick Förderungsstiftung unterstützt daher seit 2017, gemeinsam mit dem Frankfurter Privatbankhaus Metzler, die Stiftungsgastprofessur Financial History an der Goethe-Universität Frankfurt. Diese Initiative führt den Forschungsnachwuchs und Studierende der Goethe-Universität Frankfurt  durch international renommierte Wissenschaftler an finanzhistorische Methoden und Ergebnisse heran und eröffnet durch den intensiven Gedankenaustausch vor Ort verbesserte Erkenntnismöglichkeiten. Zudem entfaltet die Gastprofessur durch ihre große öffentliche Resonanz eine wichtige Wirkung in die in Frankfurt ansässige Financial Community hinein und erweitert damit den Erkenntnisraum der handelnden Akteure.

Gastprofessor Harold James, renommierter Forscher an der Princeton-University, USA, mit ausgeprägtem Interesse an der deutschen Finanzgeschichte, befasste sich im Rahmen seines Aufenthaltes in Frankfurt im Sommersemester 2018 unter anderem in einer öffentlichen Konferenz mit einer Analyse der Lehman-Krise.

Professor Barry Eichengreen, University of California, einer der weltweit bekanntesten Wirtschaftshistoriker und Mitglied führender Think Tanks, bereicherte Forschung Lehre an der Goethe-Universität im Sommersemester 2019 unter anderem mit einer öffentlichen Konferenz zu „High Public Debt“, d.h. dem Umgang mit bzw. den Folgen hoher Staatsschulden, sowie einem Workshop für Nachwuchswissenschaftler aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens des Frankfurter Instituts für Bank- und Finanzgeschichte e.V. (IBF). Catherine R. Schenk, Oxford University, ursprünglich für 2020 nach Frankfurt berufen, hat ihr wegen der Corona-Pandemie auf 2021/2022 verschobenes Wirken als Gastprofessorin für Financial History am 22. April 2021 mit einer internationalen hochkarätig besetzten Online-Konferenz zum Nutzen und zu den Risiken internationaler Bankennetzwerke und ihrer Rolle für die Finanzstabilität begonnen und wird nun im Sommersemester 2022 an der Goethe-Universität Frankfurt empfangen.

Weiterführende Informationen: Hanna Floto-Degener, floto-degener@ibf-frankfurt.de

Bildnachweis: Uwe Dettmar/Goethe-Universität Frankfurt, Catherine Schenk